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Punk, Karpfen und St. Pauli

Sven Brux (49) war früher Punk und ist heute Sicherheitschef beim FC St. Pauli. Und Präsident der Karpfenangel-Clubs ist er auch noch. Aber er hat sich kaum verändert.

Hohe Erlen, Schilf am Ufer. Ein paar Enten sind aufgeregt und offenbar spät dran. Ein Steg führt ins Wasser, schon etwas abgesackt, schon etwas in die Jahre gekommen. Dahinter ruht still der See. Und davor ruht in einem grünen Klappsessel Sven Brux (49). Es ist still hier, es ist die Stille nach dem Schuss.
 
Der Schuss fiel vor etwa 35 Jahren. In Brühl bei Köln war das, in einem Jugendzentrum, und schuld waren ein paar junge Leute aus der englischen Partnerstadt. Die gaben dem Discjockey eine Platte, und dann brach etwas los, das im Grunde immer noch in Bewegung ist. Die Platte war „Never mind the Bollocks“ von den Sex Pistols, so etwas wie das Urmeter des Punk, und da war es passiert.
 
Am nächsten Montag ist Sven Brux zu Saturn nach Köln gefahren und hat sie sich besorgt. So fing das an.
 
 
Schon immer anders
 
Punk war ein Grund, 1986 nach Hamburg zu gehen, zum Zivildienst im Seemannsheim beim Michel. Und Punk war auch ein Grund, in Hamburg zu St. Pauli zu gehen, zu einem Verein, der schon immer etwas anders war als die anderen. Dass er da heute unter anderem für die Sicherheit zuständig ist, hat ebenfalls etwas mit Punk zu tun. Jedenfalls so, wie er die Sache versteht. Und Vorsitzender des Verbandes Deutscher Karpfenangel Clubs ist er auch noch. 
 
Das ist eine ganze Menge und ziemlich sperrig auf den ersten Blick, aber die Dinge fügen sich. Punk, St. Pauli, Angeln - es passt alles gut zusammen. Es läuft zu auf einen Fastzweimetermann, den ein Soziologe mal den „Joschka Fischer der Fanszene“ genannt hat und der mit Ring im Ohr und einer selbstgedrehten Zigarette in der Hand an einem See in Nordwestmecklenburg sitzt und erzählt, wie das alles gekommen ist. 
 
Punk, das waren für Sven Brux auch die Chaos-Tage in Hannover, als er mit „Trinken für den Frieden - Schwerter zu Zapfhähnen“ auf der Lederjacke durch die Stadt lief. Das waren Zeiten mit der Bierdose vor dem Bahnhof und Ärger mit der Polizei. Es gab Jugendarrest, es gab ein Wochenende in der Zelle, und das war nicht besonders großartig. Es war das, was er „jugendsubkulturelle Begleiterscheinungen“ nennt. Aber nach den vertrunkenen Nachmittagen vor dem Bahnhof ging es abends zum selbst organisierten Konzert, zum Kampf gegen die Startbahn West oder gegen Neo-Nazis. 
 
Er fand, dass Punk nicht unbedingt Betteln vor Woolworth und ansonsten das Verdämmern der Tage bedeuten musste. Wenn einem etwas wichtig war, dann konnte man was dafür tun. Dann konnte man die Dinge in die Hand nehmen. So sah er das, und so sieht er es noch heute. Aber Punk sagte vor allem auch: Jeder kann das! Jeder kann Musik machen, jeder kann etwas tun! Er jedenfalls fühlte sich angesprochen. 
 
Da kam nach Zivildienst und ein paar Monaten Arbeitslosigkeit das Angebot beim FC St. Pauli gerade recht. Er hatte sich in der Fanszene engagiert und wurde der erste Fanbeauftragte im Verein, aus der ABM-Stelle wurde ein normaler Job, und Ende der Neunzigerjahre ging er zum damaligen Pauli-Präsidenten Heinz Weisener und fragte, ob er nach achteinhalb Jahren nicht etwas anderes machen könnte. So wurde etwas geschaffen, was es damals noch nicht gab, und seither steht „Leitung Veranstaltungen und Sicherheit“ unter seinen Mails. Er sitzt jetzt auf der anderen Seite des Schreibtisches, wenn man so will. Er hat mit der Polizei zu tun, mit dem Innensenator, er muss die Choreografien der Fans genehmigen. Er hockt in Konferenzen und hält Vorträge. Er muss sich damit beschäftigen, ob Konfetti Konfetti ist oder das „Eintragen von Brandlast“. Und manche Leute von der Polizei, mit denen er jetzt an einem Tisch sitzt, kennt er noch von früher von der anderen Seite der Barrikade. 
 
Ist das seltsam? Hätte der Sven Brux von damals ein paar Fragen an den Sven Brux von heute? „Natürlich“, sagt er. „Wäre ja auch absurd, wenn er das nicht hätte.“ Und vielleicht würde der junge Sven Brux den älteren auch einen Spießer nennen. Aber er bekäme heute vom älteren eine Erklärung, warum manche Dinge gehen und andere nicht. Er könnte auf Verständnis hoffen, auf eine Vertrautheit des Blickwinkels. Und er könnte sicher sein, dass der Ältere ziemlich genau weiß, wovon er redet. 
 
Es hat sich ja etwas bewegt in all den Jahren, und Punk ist daran nicht unschuldig. Wenn heute bizarre Frisuren und durchlöcherte Jeans zum Alltag gehören, wenn CDU-Politiker Cannabis legalisieren wollen, wenn wie in Lübeck Männer mit Irokesenschnitt eine Schule leiten und überhaupt die Horizonte weiter geworden sind, dann liegt das auch an dem Zorn und dem Lärm von damals. 
 
Ein Ex-Punk wie Tim Renner ist heute Kulturstaatssekretär in Berlin, andere sitzen in anderen wichtigen Schaltzentralen des Betriebs. Wenn manche Leute in den Business Seats bei St. Pauli ihre Ärmel hochkrempeln würden, sähe man ihre Tattoos aus alten Punk-Tagen. Und in Hamburg ist man heute ziemlich stolz, dass die umkämpften Häuser in der Hafenstraße nicht wie damals geplant an Investoren verkauft und abgerissen wurden. 
 
Mit Haken und Ösen
 
Geangelt hat Sven Brux in seiner harten Punk-Zeit nicht, er hat da eine Pause gemacht. Punk und Angeln, das bekam er mit 15 schlecht zusammen. Aber etwas später hat er mit seinem Punk-Freund Antonio wieder angefangen, und heute ist er oft unterwegs mit „Pure Shellfish“- und „Sweet Insect“-Ködern, mit Haken und Ösen, und Karpfenangel-Funktionär ist er obendrein. 
 
Er hatte schon immer eine Nähe zur Natur, sagt er. Er ist schon mit acht Jahren mit dem Vogelkundebuch durch den Wald gelaufen und hat geguckt, was da durch die Bäume fliegt. Und heute weiß er nicht nur, wo die Rohrweihe hier am See ihr Nest hat, er kann auch das Männchen und das Weibchen auseinanderhalten. Er freut sich, wenn er einen Fischotter oder einen Biber zu Gesicht bekommt, er fotografiert und dreht Filme. Und wenn ihm irgendwann mal ein Wolf über den Weg laufen sollte - „das wäre der absolute Traum“. 
 
Ein Traum war es auch, dass St. Pauli in der 2. Bundesliga bleibt. Es war ja eng, es war sogar sehr eng, aber dann ist es am letzten Spieltag gerade noch mal gutgegangen. Sonst hätten der Verein und die etwa 300 Mitarbeiter sehen müssen, was geworden wäre mit all den Engpässen eine Klasse tiefer. Die Gespräche liefen schon, und auf Sven Brux als Betriebsratschef wäre einiges an böser Arbeit zugerollt. Aber das hätte er auch hinbekommen, irgendwie. „Ich denke“, sagt er, „man muss immer in den Spiegel gucken können.“ 
 
Peter Intelmann
 
Der Text „Punk, Karpfen und St. Pauli“ erschien am 28./29. Juni 2015 in den Lübecker Nachrichten, Seite 54. Er wurde uns freundlicherweise von Autor Peter Intelmann zur Verfügung gestellt.
 
Sven Brux ist der Präsident des DAFV-Spezialverbandes Deutscher Karpfenangelclubs.
 
 
 


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