Interview mit Fred Bloot, Präsident der European Anglers Alliance

Fred Bloot ist der stellvertretende Direktor der Sportfisserij Nederland und seit fast sechs Jahren Präsident der European Anglers Alliance.
Fred Bloot ist der stellvertretende Direktor der Sportfisserij Nederland und seit fast sechs Jahren Präsident der European Anglers Alliance. Fotos: DAFV, Olaf Lindner

Fred Bloot ist der stellvertretende Direktor der Sportfisserij Nederland und seit fast sechs Jahren Präsident der European Anglers Alliance. Der DAFV hat ihn bei der EAA Versammlung in Helsinki interviewt.

 

DAFV: Sehr geehrter Herr Bloot, als stellvertretender Direktor der Sportfisserij Nederland und Präsident der European Anglers Alliance sind Sie als Visionär bekannt. Wie sehen Sie Ihre Arbeit in den Niederlanden im Vergleich zur EU?

Bloot: Wo die Sportvisserij Nederland (SVN) die Interessen der Angler auf nationaler Ebene fördert, tut dies die European Anglers Alliance (EAA) im europäischen Kontext. Wer denkt, dass wir in den Niederlanden an vorderster Front stehen, liegt falsch. In Europa wird in der Regel etwas größer gedacht. Auch wenn in den Niederlanden der Angelsektor in den letzten Jahrzehnten eine große Emanzipation erfahren hat, müssen wir dies auf unsere Arbeit in Brüssel übertragen. Die SVN, ihre Verbände und / oder Fischereivereine werden als Partner in Naturschutzorganisationen, Wasserbehörden und Regierungen angesehen, wenn es um nachhaltige und ökologische Bewirtschaftung und Nutzung unserer (Fischerei-) Gewässer geht. Wir beteiligen uns an der Verwaltung der Wasserbehörden, und in Den Haag gibt es praktisch keinen Abgeordneten, der die Bedeutung von zwei Millionen Anglern für die Wahlen nicht anerkennt.

Wer das alles zusammenbringt, kann zu dem Schluss kommen, dass das niederländische Angeln auf nationaler Ebene ziemlich gut organisiert ist. Wenn Sie sich anschauen, was wir alles machen, sind wir ein moderner, reifer Sektor. Das wollen wir auch in Europa sein.

DAFV: Eines Ihrer Ziele in der EAA ist es, eine klare Position innerhalb der gemeinsamen Fischereipolitik zu erreichen. Warum ist Ihnen das so wichtig und was bedeutet das für die Angler?

Bloot: Wir müssen in der EU eine eigene Stimme bekommen und nicht nur als Anhängsel der Fischereiindustrie/Berufsfischerei vertreten sein. Bislang haben wir keine Rechte als Angler, aber wir haben viele Pflichten. Zu häufig berücksichtigt die Politik die Freizeitangler nicht ausreichend. Wenn der Fischbestand, also die Quoten verteilt werden, werden Angler oft nur im negativen Sinne erwähnt.Viele Abgeordnete haben immer noch die Idee „Geangelt wird nur zum Spaß". Sie haben immer noch das idyllische Bild des fleißigen Berufsfischers in seinem gelben Ölanzug. Aber Angeln ist heute weitaus mehr wert als die Einnahmen aus der Berufsfischerei. In vielen EU-Ländern haben die Regierungen die wirtschaftliche und soziale Bedeutung des Sportfischens zu schätzen gelernt. In Irland wird das Angeln aktiv vom Land gefördert, in England setzt man es ein, um gefährdete Jugendliche vor Verbrechen zu bewahren und es ist wirklich eine Erfolgsgeschichte dort. Dänemark punktet mit seinem Meerforellenprojekt und in Norwegen verteilt König Harald Angelruten an Jugendliche.

Wenn ich bei der EAA aufhöre, möchte ich, dass ich eine junge, flache, moderne Organisation hinter mir lasse. Die Angelfischerei muss dann eine uneingeschränkte Position in der europäischen Fischereipolitik haben.

Fred Bloot

DAFV: Sie sprechen die soziale und wirtschaftliche Bedeutung des Angelns an. Auch die EU fordert bessere Informationen. Können Sie ein konkretes Beispiel aus Europa nennen?

Bloot: Nehmen wir den Wolfsbarsch. Es ist stark überfischt. Wäre die ökonomische Bedeutung der Angelfischerei stärker bekannt, müsste die Quote anders verteilt sein, wobei das Angeln Vorrang hat. Eine kleine professionelle Fischerei könnte durchaus nebeneinander bestehen. Jetzt geht alles an die Berufsfischerei und damit ignorieren wir die Tatsache, dass der Freizeitsektor einen wesentlich höheren wirtschaftlichen und sozialen Beitrag für die Küstengemeinden leistet. 2017 werden drei Viertel aller Wolfsbarsche kommerziell gefangen. Um eine Erholung zu garantieren, sollten sie aber gar nicht auf Wolfsbarsch fischen. Stattdessen ist aber der Fang immer noch dreimal so hoch wie gewünscht. Das gesamte Management ist auf die Nachfrage der kommerziellen Fischerei zugeschnitten. Laut einer unabhängigen englischen Studie werden mit einer Tonne Wolfsbarsch 40.000 Euroerzielt. Die gleiche Tonne Wolfsbarsch würde drei Millionen Euro und 34 Arbeitsplätze im Angelsektor bringen. Und viele dieser Wolfsbarsche würden auch zurückgesetzt. Infolgedessen ist Wolfsbarsch als Sportfisch etwa vierzig Mal mehr wert als ein Filet beim Fischhändler.Die EAA befürwortet daher die Umverteilung des Wolfsbarschbestandes. Basierend auf ökonomischen, ökologischen und sozialen Kriterien anstelle von Kilogramm Fischfleisch. Vorteile: Der dezimierte Wolfsbarschbestand würde sich erholen, was sich positiv auf die Umwelt und das Fischen auswirkt. Und der Wohlstand in den Küstenprovinzen würde einen großen Schub bekommen. In Irland werden durch Sportfischerei auf Wolfsbarsch 52 Millionen Euro generiert. Wenn wir auf die andere Seite des großen Sees schauen; Striped Bass, das amerikanische Gegenstück unseres Wolfsbarschs, bringt den astronomischen Betrag von 6,5 Milliarden Dollar als Sportfisch in den USA zusammen, wohlgemerkt: auf jährlicher Basis! “

DAFV: Für viele ist das Thema EU-Politik sehr weit entfernt. Derzeit kursieren Forderungen nach sozioökonomischen Studien bis hin zur digitalen Fangauswertung bei der Freizeitfischerei. Ist Brüssel gedanklich schon zu schnell? Wie können die Länder mitziehen? 

Bloot: In Brüssel ist man politisch viel weiter, häufig leider auch ohne die konkrete Umsetzung im Blick zu haben. Das Europäische Parlament möchte nun wissen, was die sozioökonomische Bedeutung der Freizeitfischerei ist. Es liegt nun an uns, ausreichende Daten sicherzustellen. Welchen wirtschaftlichen Wert generiert das Angeln? Wie viele Angler buchen eine Übernachtung? Was geben sie im Angelshop aus? Wie viel tanken sie? Und so weiter. Der Mangel an ausreichenden Daten ist derzeit leider immer noch das Problem. In Europa leiden sie sicherlich nicht unter dem romantischen Image eines traditionellen Berufsfischers. Für mich muss hier ein Umdenken stattfinden.Bei den konservativen Parteien stößt man oft auf eine alte denkweise. Das kennen Sie sicherlich auch aus Deutschland. Man sollte von einer Regierung langfristig eine proaktive Vision für die Fischerei erwarten, die auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist, aber auch bei uns in den Niederlanden habe ich manchmal den Eindruck, dass ich ein totes Pferd ziehe.

DAFV: Neben dem Bestandsmanagement unserer Fische haben wir noch weitere politische Themen, die auf europäischer Ebene eine Rolle spielen. Wasserverschmutzung, Wasserkraft, Durchgängigkeit der Flüsse und das Kormoranproblem. Häufig werden die Länder alleingelassen mit den Vorgaben. Sind viele dieser Probleme nicht vielmehr im pan-europäischen Kontext anzugehen?

Bloot: Fische halten sich nicht an Landesgrenzen, oder? Die EU befürwortet aber keine einheitliche Politik. Es gibt Richtlinien, in denen sich die nationalen Regierungen bewegen können. “Dies ist auch notwendig, da natürlich große kulturelle, aber auch landschaftliche Unterschiede zwischen den EU-Ländern bestehen. „Ein Norweger versteht uns nicht in Holland. Wenn wir angeln gehen, fischen wir einen ganzen Tag und nehmen höchstens zwei Fische mit nach Hause. Ein Norweger geht höchstens eine halbe Stunde angeln und nimmt zwei mit. Und von einem Deutschen versteht er nicht, dass er einen Tag fischt und nicht zwingend die Freiheit hat, auch Fische wieder zurückzusetzen. 

DAFV: Das Kulturgut Angeln hat sich sicher in den einzelnen Ländern unterschiedlich entwickelt und muss auch so betrachtet werden. Aber wie verhält es sich zum Beispiel mit dem Kormoran. Die Länder werden sich selbst überlassen, aber der Bestand ist ein Europäischer. Wie sollte man hier vorgehen?

Bloot: Für den Schutz bedrohter Fischarten ist es notwendig, die Kormoranbestände in Europa zu regulieren. Auch wenn wir in den Niederlanden weniger Probleme haben, so richten Kormorane in anderen Regionen Europas auf ihren Wanderungen in die Winterquartiere erhebliche Schäden an. Der Schutz einer einzelnen Vogelart darf nicht zur Bestandsgefährdung bedrohter Fischarten werden. Das EU-Parlament hat ja schon 2008 und 2018 Resolutionen für ein europäisches Kormoranmanagement beschlossen. Die EAA setzt sich dafür ein, dass diesen Ankündigungen jetzt endlich auch Taten folgen.

DAFV: Häufig schauen andere Länder neidvoll in die Niederlande. Auch aus Deutschland ist der Zulauf an eure Gewässer groß. Wie ist das zu erklären?

Bloot: Nur in wenigen Ländern in Europa ist die Angelfischerei so gut organisiert wie hier. Wir haben ein Büro mit rund 45 Mitarbeitern und etwa fünfzig Mitarbeiter in den Regionen. Das ist einzigartig in Europa. Und das in einem Land, in dem das alte Denken so hartnäckig ist. Wir bilden Polizisten und Lehrer aus, wir haben einen eigenen TV Kanal und wir haben mit dem Vispas einen direkten Zugang für die Angler, um an unsere Gewässer zu kommen. Man darf aber nicht vergessen, dass wir einen königlichen Auftrag haben. Also ein Vergleich zu Deutschland oder anderen Ländern ist von Strukturwegen schon nicht möglich.

DAFV: Der Lachs ist der Fisch des Jahres. Mit der Öffnung des Haringvliet Damms erhoffen sich viele auch eine Verbesserung des Lachsaufstiegs in den Rhein. Warum gestaltet sich das Projekt als so schwierig?

Bloot: Die natürliche Angst vor dem Meer ist in den Niederlanden offensichtlich noch vorhanden. Lacht. Insbesondere aus Deutschland werde ich dies regelmäßig gefragt Es sind die Netzfänge vor der Mündung, die vielen Sorge bereitet. Denn die Lachse, die sie mit großem Aufwand wieder einführen wollen, finden sich immer wieder bei uns auf dem Markt. Wir haben bereits unsere Regierung aufgefordert, die niederländische Behörde für Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz darauf anzusetzen, aber wegen fehlender Ressourcen mussten die Deutschen einen weiteren Brief an den Europäischen Fischereikommissar schicken. Dann muss es durch Europa gehen. Sie sehen, es ist für uns häufig so klar und doch leider in Wirklichkeit so kompliziert.

DAFV: Sie haben einen engen Draht zum DAFV. Was halten Sie für die zukünftige Entwicklung des Verbandes für wichtig?

Bloot: Zunächst einmal muss man in Deutschland verstehen, dass der DAFV eine vergleichsweise kleine Personaldecke hat. Vieles wird durch die Bundesländer abgedeckt, was durch die gesetzlichen Gegebenheiten auch nötig ist. Dennoch ist der DAFV neben der Sportfisserij Nederlande der größte Anglerverband in Europa und er hat damit eine wichtige Funktion. Es wird wichtig sein, die Aufgaben deutlicher zu erkennen, um die Kräfte besser bündeln zu können. Was sich insbesondere in den letzten Jahren entwickelt hat, sehen wir sehr positiv. Man muss aber immer dranbleiben und die positive Entwicklung weiter zu unterstützen. Im Vergleich mit den Niederlanden sollte Deutschland erwägen, seinen Bundesverband mit deutlich mehr Ressourcen auszustatten.

DAFV: Hr. Bloot wir danken Ihnen für das Interview.
Letzte Änderung am Donnerstag, 04 Juli 2019 15:04
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