Gewässer- und Naturschutz




Das schreddern lebendiger Fische in Deutschland muss endlich aufhören!

Geschredderte Barsche durch eine Wehranlage.
Geschredderte Barsche durch eine Wehranlage. Foto: DAFV

Der Deutsche Angelfischerverband fordert die Bundesregierung auf, endlich wirksame Schutzmaßnahmen gegen das Schreddern lebendiger Fische in deutschen Flüssen zu ergreifen. In Deutschland kommen jeden Tag zahllose Fische, Jungvögel und andere Organismen in den unzureichend geschützten Turbinen der Wasserkraftanlagen zu Tode. „Stellen sie sich vor, sie stecken eine Banane in einen Ventilator – so müssen sich die zahllosen Tiere fühlen, die täglich in die Turbinen deutscher Wasserkraftanlagen geraten“, so Alexander Seggelke Geschäftsführer des DAFV.

Aber man sieht es ja nicht – die zerhäckselten Fische hinter den Anlagen verrotten am Gewässergrund, die verendeten Fische vor den Anlagen werden von automatischen Reinigungsrobotern zusammen mit dem Unrat unserer Zivilisationsgesellschaft in den Müll gekippt. Es klingt wie eine schlechte Erzählung einer fernen Dystopie, ist aber seit vielen Jahren bittere Realität in Deutschlands Flüssen.

Die unerwartet großen Schäden der kleinen Wasserkraft

Es wird seit Jahren mit viel Aufwand und massiven finanziellen Subventionen für die Lobby der Wasserwirtschaft auf Landes- und EU-Ebene diskutiert, wie man die negativen Auswirkungen der „kleinen Wasserkraft“ auf die Ökosysteme mindern können. Zahlreiche nationale und internationale Initiativen wurden ins Leben gerufen: LAWA, Fischforum Natur, FitHydro, die parlamentarische Arbeitsgruppe im Bundestag „Frei fließende Flüsse“ oder „Das Blaue Band“.

Es gibt in Deutschland hervorragende Wasserbauingenieure, denen wir ein echtes Interesse an Lösungen zum Schutz der Fische unterstellen. Es gibt auch Fortschritte, aber es ist völlig illusorisch zu glauben, wir könnten die gesamte bestehende Kraftwerkskulisse in Deutschland mit den neuen Lösungen zu vertretbaren Kosten in eine halbwegs naturverträgliche Energieerzeugung überführen. Wir müssen der Wahrheit ins Auge blicken: Wenn wir uns, wie bereits zu erkennen ist, nicht noch mehr von einem wesentlichen Teil unserer natürlichen Fischfauna in Deutschland verabschieden wollen, müssen wir auch über Rückbau nachdenken.

Zahlreiche Fischarten in Deutschland gelten in vielen Gewässern bereits als „verschollen“ (das ist der nette, biologisch korrekte Ausdruck für „Ausgestorben“) – nach dem Motto: „Wir suchen noch nach ihnen.“ Beispiele dafür sind Stör, Lachs oder der Kilch im Bodensee. Dazu kommen jede Menge Arten, die sich zwar noch in homöopathischen Dosen hier und da nachweisen lassen, aber im Grunde in Deutschland wohl kaum eine Zukunft haben, wie Zingel, Streber, Zobel, Huchen oder Strömer, um nur einige zu nennen.

Unter dem Radar des Artensterbens gibt es aber noch eine weit schlimmere Problematik: Der Rückgang der biologischen Vielfalt innerhalb der Fischarten. Deutschland hat sich als Unterzeichner des Übereinkommens der Vereinten Nationen über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity, Rio de Janeiro) schon 1992 dazu verpflichtet, nicht nur einzelne Arten, sondern auch die genetische Vielfalt innerhalb einer Art zu schützen. Das Ganze soll mit der EU-Biodiversitätsstrategie für 2030 sogar noch neuen Schwung bekommen. Man darf gespannt sein. Eine Wirkung des Blueprint zum Schutz der Wasserressourcen 2014 und der Biodiversitätsstrategie 2020 haben Angler bestimmt nicht bemerkt.

Dazu sollte man wissen, dass Fische in verschiedenen Flusssystemen genetisch einzigartige Populationen ausbilden. Über Jahrtausende haben diese Populationen sich an die einzigartigen lokalen Umweltbedingungen angepasst. Diese Generosion lässt sich wohl kaum mehr nachvollziehen. Sie schreitet dank Wasserkraft und überschützten Prädatoren von der Öffentlichkeit unbemerkt voran. Ein Turbinenmanagement mithilfe der Fernsteuerbarkeit, wie im EEG festgelegt und bei Überkapazität praktiziert, könnte bei nächtlicher Abschaltung in bestimmten Monaten der verstärkten Abwanderungen, Fischverluste in Größenordnungen reduzieren und der Biodiversität einen Schub verleihen.

Wem gehört das Wasser?

Findige Unternehmer aller Couleur haben unsere Gewässer europaweit als Selbstbedienungsladen für das wertvolle Gut „Fließenergie aus Wasser“ entdeckt. Es scheint ein wenig wie der Goldrausch in Nordamerika in vergangenen Zeiten.

Lokale Angelvereine stehen plötzlich völlig unbekannten finanzkräftigen Unternehmern gegenüber, welche auf Grundlage des Erneuerbaren Energie-Gesetzes (EEG) und dem aktuellen Wasserhaushaltsgesetzes (§ 11 a WHG) deutschlandweit nach günstigen Wasserkraftstandorten suchen.

Unter der Aussicht auf lukrative Steuerabschreibungsmodelle und dazu noch garantierten Einspeisevergütungen werden eigentlich unrentable Wasserkraftwerke, die in der Regel nicht den Anforderungen des europäischen Rechts entsprechen, mit findigen Anwälten gegen den Willen der Anwohner bittere Realität - Bei den Anwohnern geht ein Stück Heimat verloren und auch der Glaube an die Politik.

Seit hunderten von Jahren verändern Menschen Gewässer zu ihrem Nutzen. Die Maßnahmen dienen unterschiedlichen Zwecken: Wasserversorgung, Bewässerung, Energieerzeugung, Transportwege, Hochwasserschutz und Fischerei. Insbesondere für die Müllerei war die Wasserkraft (genauso wie die Windkraft) eine wichtige Form der Antriebstechnik, um das begehrte Weißmehl zu erzeugen. Nicht umsonst heißt eines der bekanntesten Fischrezepte „Forelle Müllerinnen Art“.

Aber an dieser Stelle muss man das allseits berühmte Zitat aus dem Buch „Herr der Ringe“ anführen “Die Zwerge haben zu gierig und zu tief geschürft.“. Waren die mitunter idyllischen Mühlen bis Mitte des letzten Jahrhunderts für viele Gewässer sogar eine Bereicherung, so sind es die hocheffizienten mit fischfeindlichen Turbinen bestückten Laufwasserkraftwerke mit ihren betonbewährten Zuwasserungskanälen sicher nicht. Im Zuge alter Wasserrechte in Kombination mit dem EEG wurden naturverträgliche Mühlen reihenweise zu Vollsperrungen im Fluss ausgebaut. Großzügig schauen trotz höchstrichterlicher Klarstellung die allermeisten Behörden darüber hinweg, dass der Umstieg auf Turbinen nicht mehr von den alten Mühlenwasserrechten gedeckt ist, weil deren Zweck sich geändert hat.

 

Dürreindex in MitteleuropaDer Dürreindex in Mitteleuropa zeigt es auf! Ausbleibende Niederschläge und anhaltende Trockenperioden machen schon seit vielen Jahren Wasserkraft wirtschaftlich nicht mehr profitabel. Subventionen sowie "grüne Energie" erwecken jedoch einen anderen Eindruck. Quelle: Nature

Werden unserer Fische für Bitcoins verstromt?

Günstige Stromstandorte in Norwegen oder Island locken mittlerweile ungewöhnliche Gäste an. So werden die Lebensräume unserer Fische im großen Stil für das gewinnträchtige Schürfen der Kryptowährung „Bitcoin“ verstromt. Firmen, wie z. B. die Northern Bitcoin AG aus Frankfurt haben ihre Standorte in Regionen mit günstigem Strom aus Wasserkraft verlegt. Lokale Regierungen heißen die Investoren auf Grundlage zeitlicher Überkapazitäten herzlich willkommen, aber Nachfrage belebt bekanntlich das Geschäft. Viele der umstrittenen Anlagen beziehen womöglich genau aus dem Umstand der Investoren ihre Daseinsberechtigung. Ob diesen Trend die Taxonomieverordnung der Kommission zur Finanzierung ändert?

Laut dem Bitcoin Electricity Consumption Index der Universität Cambridge liegt der Energieaufwand für Bitcoin derzeit bei rund 120 Terawattstunden im Jahr. Das entspreche dem Stromverbrauch von Norwegen, sagte Ulrich Gallersdörfer dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Gallersdörfer erklärt: "Aber dabei muss man auch den Verdrängungseffekt bedenken. Das Angebot an erneuerbaren Energien ist beschränkt. Es hilft niemandem, wenn eine Bitcoin-Farm den Strom aus einem Wasserkraftwerk nutzt und das benachbarte Dorf dafür mehr Kohlestrom verbraucht.".

Und natürlich gilt das auch für Transaktionen, die mit der digitalen Währung abgewickelt werden. Für eine einzige Bitcoin-Transaktion werden laut der Datenbank Statista im Schnitt 741 Kilowattstunden benötigt. Zum Vergleich: 100.000 Bezahlvorgänge mit einer Visa-Karte benötigen 149 Kilowattstunden.

Würde man einen Tesla Model 3 mit Bitcoins bezahlen, entspricht das in etwa einer Fahrstrecke von 5.000 Kilometern.

Was ist eigentlich mit der Umwelthaftung und dem Verursacherprinzip?

Wenn man schon gemeinschaftliche natürliche Ressourcen für persönliche gewinnträchtige Unternehmungen nutzt, sollte man doch zumindest für die verursachten Schäden aufkommen – sagt einem zumindest der gesunde Menschenverstand und auch die EU mit der Umwelthaftungsrichtlinie. In Deutschland bis heute: Fehlanzeige. Eine Beschwerde das DAFV 2018 hat vermutlich dazu beigetragen, dass ein Vertragsverletzungsverfahren anhängig ist.

Wir denken, dass Deutschland mit den jüngsten Gesetzesänderungen die Kommission nicht befriedigen wird

Die Haftung für den normalen Betrieb von Wasserkraftanlagen und zahlreiche weitere beruflichen Tätigkeiten hat man offenbar in der Berichterstattung an die Kommission „vergessen“. Der Gesetzgeber rechnet nur mit etwa zehn Fällen im Jahr mit einer Umwelthaftung durch plötzliche große Schadenereignisse.

„Durch meine Anlage kann man eine Bierflasche durchschicken und die ist immer noch ganz, sagte mir mal ein Betreiber einer kleinen Wasserkraftanlage“, so Olaf Lindner, Öffentlichkeitsmitarbeiter beim DAFV. Die Betreiber verkennen zwei Faktoren: Erstens ist jede Anlage im Brutgeschäft für Wanderfische systemkritisch und zweitens sind viele Flüsse mittlerweile mit unzähligen hintereinander folgenden Anlagen fragmentiert. Der Betreiber sieht dabei immer nur seine Anlage, aber die Summe macht es den Fischen nahezu unmöglich ihre Laichgebiete zu erreichen. Die Mortalitätsrate liegt an einer einzelnen Anlage zwar nicht bei 100 %, aber an jeder Anlage sterben mehr und mehr Fische, am Ende kommt kaum noch ein Fisch an. Und dann bleibt ja immer noch die Frage des Fischabstieges.

 

20141223 unbenannt 474051920px kleinerEs mag idyllisch aussehen, jedoch ist ein solcher Querverbau innerhalb eines Fließgewässers für die Fische ein unüberwindbares Hindernis. Wer aufgrund der Fortpflanz stromauf möchte, scheitert an dieser Stelle kläglich! Foto: DAFV

Nicht jede Form der Wasserkraft ist schlecht

Ja, Laufwasserkraftwerke gelten im Prinzip als grundlastfähig. Wasser fließt fast immer, allerdings klimabedingt, auch immer weniger. Das macht sie nicht mehr so einzigartig gegenüber Wind- und Solarenergie. Wasser ist eine erneuerbare Energie, das Ökosystem Fluss ist es aber nicht. Wir haben unsere Flüsse in die Hände von Wasserbauingenieuren gelegt und so sehen sie auch aus. Moderne Bauwerke deutscher Ingenieurskunst.

Wasserkraft hat seine Berechtigung und es gibt intelligente Lösungen, die dem Klimawandel, der Grundlastfähigkeit und den damit verbundenen CO² Einsparung helfen können, aber sicher nicht die 7.400 Anlagen der kleinen Wasserkraft die zusammen weniger als 0,5 % zu der Bruttostromerzeugung in Deutschland beitragen. So erbringen fast 1.500 Kleinkraftwerke in Baden-Württemberg zusammen gerade einmal so viel Energie, wie das eine Großkraftwerk in Iffezheim am Rhein. Dem Fisch ist es egal, ob er vor Iffezheim steht, oder einem der anderen 1.500 Anlagen im Land.

 

Wir sind es leid, die toten Fische vor und hinter den Wasserkraftanlagen einzusammeln. Das muss aufhören!

Olaf Lindner, Öffentlichkeitsarbeit DAFV e. V.

 

Wer nicht gleich geschreddert wird, erleidet bleibende Schäden.

In einer Studie 2019 hat die Tierärztliche Hochschule Hannover Aale, die in der Weser gefangen wurden und aller Wahrscheinlichkeit nach mindestens ein Wasserkraftwerk passiert hatten, auf innere Verletzungen untersucht. Die Röntgenbilder zeigen, dass selbst die Aale, die äußerlich unverletzt waren, zu rund 50 % zum Teil schwerwiegende Wirbelsäulenverletzungen aufwiesen.

Es gibt Stauchungen und Verschiebungen von Wirbelkörpern sowie Wirbelbrüche, die in dieser Form bei Menschen zu Gesundheitsschäden bis hin zu motorischen Ausfallerscheinungen und Querschnittslähmungen führen können. Die Befunde verursachen Betroffenheit bei allen, die sich um die Fischbestände in heimischen Gewässern sorgen.

Bisher war bekannt, dass ein beachtlicher Teil der Aale bei stromabwärts gerichteten Wanderungen in den Flüssen von den Turbinen der Wasserkraftanlagen zum Teil regelrecht gehäckselt werden. Das Institut für Binnenfischerei Potsdam Sacrow verweist in einer Studie auf die hohen Anteile heranwachsender Aale, die jährlich auf- und abwärts wandern.

Für die Kleinsten gibt es keinen Schutz, denn Schutzrechen müssten einen Spalt von nur drei mm bis fünf Millimeter besitzen. Schließlich trägt Deutschland für die Erhaltung der Art die höchste Verantwortungsstufe in der EU.

Der angeblich „grüne“ Strom aus Wasserkraftanlagen wurde deshalb auf Grund der Schäden an der Fischfauna schon als „blutroter“ Strom bezeichnet. Jetzt wächst die Befürchtung, dass diese Schäden bisher sogar noch weit unterschätzt wurden.

Die deutschen Angler fordern von der Bundesregierung deshalb, keine neuen Wasserkraftwerke mehr zu genehmigen. Bestehende Anlagen solle man beim Schutz von Fischen nachrüsten, wo das nicht geht, sollte man langfristig auch über einen Rückbau nachdenken.

Letzte Änderung am Mittwoch, 02 Juni 2021 10:03
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