Viele Angler lieben den Sommer. Es ist warm, die Sonne scheint – was liegt da näher als ans Wasser zu gehen und sein Glück zu versuchen. Worüber wir Petrijünger bei unserer Entscheidung ans Wasser zu gehen in diesem Moment wenig nachdenken, ist der Zusammenhang zwischen Wassertemperatur und Fischwohl im Zuge des Angelns. Um das Thema präsenter zu machen und eine Orientierungshilfe zu geben, haben wir den Stand der Forschung zusammengetragen. Das Ergebnis ist ein Überblick von Anglern für Angler darüber, wie Fische auf warme Wassertemperaturen reagieren, welchen Einfluss die Angelei auf heimische Fischarten in Hitzephasen hat, und wie ein waidgerechter Umgang mit gefangenen Fischen im Hochsommer aussehen kann.
Wer verträgt was? Die Hitzeliste der gängigen Angelfische
Fische sind wechselwarme Tiere. Ihre Körpertemperatur ist praktisch identisch mit der des Wassers, in dem sie schwimmen. Jedes Grad Celsius, um das sich ein Gewässer erwärmt oder abkühlt, beeinflusst unmittelbar ihren Stoffwechsel, das Wachstum, die Abwehrkräfte und nicht zuletzt die Fortpflanzung. Bis zu einem gewissen Punkt ist das sogar von Vorteil, denn steigende Temperaturen kurbeln Appetit und Wachstum an. Doch sobald die Temperatur den artspezifischen Wohlfühlbereich überschreitet, kippt das Bild. Die Fische verbrauchen dann zunehmend Energie fürs Atmen, fressen kaum noch, und irgendwann wird es lebensbedrohlich.
Für 68 heimische Fischarten haben Forscher des Leibniz-Instituts für Gewässer und Binnenfischerei (IGB) auf der Grundlage einer großen Zahl wissenschaftlicher Referenzstudien eine Übersicht verlässlicher Temperaturgrenzwerte zusammengetragen. Den Grenzwert bildet dabei konkret die Temperaturschwelle, bei der die Hälfte der erwachsenen Fische einer Art unter Testbedingungen nicht mehr überlebt. So entsteht eine Art Hitzeverträglichkeits-Ranking unserer bekanntesten Zielfische:
Temperatursensitivität der Fischarten in deutschen Gewässern
Reihung der Fischarten entsprechend ihrer Temperatursensitivität. Arten ohne bekanntes kritisches Temperaturmaximum (NA) wurden alternativ nach Letaltemperaturen von Eiern und Juvenilen bzw. Vorzugstemperaturen eingruppiert. Die sensitivsten Arten (oberhalb der roten Linie) dienen jeweils als Schirmarten für typische Artengemeinschaften.
- Der Punkt in der letzten Spalte zeigt die Lage des Wertes auf einer festen Skala von 24 °C 41 °C (Minimum und Maximum des Datensatzes).
| Wissenschaftlicher Artname | Trivialname | Obere Letaltemperatur Adulti (°C) |
|---|---|---|
| Lampetra planeri | Trivialname: Bachneunauge | Obere Letaltemperatur (°C)24 |
| Zingel streber | Trivialname: Streber | Obere Letaltemperatur (°C)25 |
| Zingel zingel | Trivialname: Zingel | Obere Letaltemperatur (°C)25 |
| Thymallus thymallus | Trivialname: Äsche | Obere Letaltemperatur (°C)26 |
| Platichthys flesus | Trivialname: Flunder | Obere Letaltemperatur (°C)27 |
| Salmo trutta, Bachform | Trivialname: Bachforelle | Obere Letaltemperatur (°C)27 |
| Telestes souffia | Trivialname: Strömer | Obere Letaltemperatur (°C)27 |
| Chondrostoma nasus | Trivialname: Nase | Obere Letaltemperatur (°C)27 |
| Gymnocephalus cernua | Trivialname: Kaulbarsch | Obere Letaltemperatur (°C)28 |
| Lota lota | Trivialname: Quappe, Rutte | Obere Letaltemperatur (°C)29 |
| Leuciscus aspius | Trivialname: Rapfen | Obere Letaltemperatur (°C)30 |
| Coregonus maraena | Trivialname: Ostseeschnäpel | Obere Letaltemperatur (°C)30 |
| Hucho hucho | Trivialname: Huchen | Obere Letaltemperatur (°C)30 |
| Osmerus eperlanus | Trivialname: Stint | Obere Letaltemperatur (°C)30 |
| Salmo trutta, Seeform | Trivialname: Seeforelle | Obere Letaltemperatur (°C)30 |
| Salmo trutta, Wanderform | Trivialname: Meerforelle | Obere Letaltemperatur (°C)30 |
| Lampetra fluviatilis | Trivialname: Flussneunauge | Obere Letaltemperatur (°C)30 |
| Gymnocephalus schraetser | Trivialname: Schrätzer | Obere Letaltemperatur (°C)NA |
| Cobitis taenia | Trivialname: Steinbeißer | Obere Letaltemperatur (°C)NA |
| Acipenser oxyrinchus | Trivialname: Atlantischer Stör | Obere Letaltemperatur (°C)31 |
| Phoxinus phoxinus | Trivialname: Elritze | Obere Letaltemperatur (°C)31 |
| Leuciscus idus | Trivialname: Aland | Obere Letaltemperatur (°C)NA |
| Petromyzon marinus | Trivialname: Meerneunauge | Obere Letaltemperatur (°C)31 |
| Cottus gobio | Trivialname: Groppe, Mühlkoppe | Obere Letaltemperatur (°C)32 |
| Coregonus oxyrinchus | Trivialname: Nordseeschnäpel | Obere Letaltemperatur (°C)NA |
| Leuciscus leuciscus | Trivialname: Hasel | Obere Letaltemperatur (°C)33 |
| Alburnoides bipunctatus | Trivialname: Schneider | Obere Letaltemperatur (°C)34 |
| Barbatula barbatula | Trivialname: Schmerle | Obere Letaltemperatur (°C)34 |
| Esox lucius | Trivialname: Hecht | Obere Letaltemperatur (°C)34 |
| Salmo salar | Trivialname: Atlantischer Lachs | Obere Letaltemperatur (°C)34 |
| Perca fluviatilis | Trivialname: Barsch, Flussbarsch | Obere Letaltemperatur (°C)35 |
| Vimba vimba | Trivialname: Zährte | Obere Letaltemperatur (°C)NA |
| Pungitius pungitius | Trivialname: Zwergstichling | Obere Letaltemperatur (°C)35 |
| Sander lucioperca | Trivialname: Zander | Obere Letaltemperatur (°C)35 |
| Silurus glanis | Trivialname: Wels | Obere Letaltemperatur (°C)35 |
| Abramis brama | Trivialname: Brachse, Blei | Obere Letaltemperatur (°C)36 |
| Gasterosteus aculeatus | Trivialname: Dreistachliger Stichling | Obere Letaltemperatur (°C)36 |
| Gobio gobio | Trivialname: Gründling | Obere Letaltemperatur (°C)36 |
| Barbus barbus | Trivialname: Barbe | Obere Letaltemperatur (°C)37 |
| Leucaspius delineatus | Trivialname: Moderlieschen | Obere Letaltemperatur (°C)37 |
| Rhodeus amarus | Trivialname: Bitterling | Obere Letaltemperatur (°C)37 |
| Blicca bjoerkna | Trivialname: Güster | Obere Letaltemperatur (°C)NA |
| Alburnus alburnus | Trivialname: Ukelei, Laube | Obere Letaltemperatur (°C)38 |
| Carassius carassius | Trivialname: Karausche | Obere Letaltemperatur (°C)38 |
| Carassius gibelio | Trivialname: Giebel | Obere Letaltemperatur (°C)38 |
| Rutilus rutilus | Trivialname: Rotauge, Plötze | Obere Letaltemperatur (°C)38 |
| Misgurnus fossilis | Trivialname: Schlammpeitzger | Obere Letaltemperatur (°C)NA |
| Scardinius erythrophthalmus | Trivialname: Rotfeder | Obere Letaltemperatur (°C)38 |
| Alburnus chalcoides | Trivialname: Mairenke | Obere Letaltemperatur (°C)38 |
| Anguilla anguilla | Trivialname: Aal | Obere Letaltemperatur (°C)39 |
| Squalius cephalus | Trivialname: Döbel, Aitel | Obere Letaltemperatur (°C)39 |
| Tinca tinca | Trivialname: Schleie | Obere Letaltemperatur (°C)39 |
| Cyprinus carpio | Trivialname: Karpfen | Obere Letaltemperatur (°C)41 |
QuelleVan Treeck, R. & Wolter, C. (2021): Temperaturempfindlichkeiten der Fischgemeinschaften in deutschen Fließgewässern – Überprüfung der Orientierungswerte für die Temperatur. Endbericht, Projekt O 10.20, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei im Auftrag der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA).
Die klare Botschaft: Salmoniden und Äschen aus klaren, kühlen Bächen sind echte Sensibelchen, während Karpfen, Schleie und Döbel vieles wegstecken, was ein deutscher Sommer zu bieten hat. Diese Werte gelten für gesunde, kräftige Fische unter Idealbedingungen. In der Praxis kommt mit einem sinkenden Sauerstoffgehalt noch ein entscheidender Stressfaktor hinzu. Je wärmer das Wasser, desto weniger bindet es Sauerstoff. In warmen Sommernächten sinkt der Sauerstoffgehalt zusätzlich, weil Wasserpflanzen ohne Sonnenlicht keinen Sauerstoff mehr produzieren. Besonders kritisch wird es deshalb häufig nicht am Nachmittag, wenn es draußen am heißesten ist, sondern kurz vor Sonnenaufgang, wenn die Sauerstoffreserven im Wasser maximal dezimiert worden sind.
Wie gut können sich Fische an steigende Wassertemperaturen anpassen?
Fische können sich grundsätzlich auf vier Wegen an wärmeres Wasser anpassen.
1. Physiologische Akklimatisierung: Fische können sich in einem begrenzten Umfang innerhalb ihrer Lebensdauer an veränderte Umweltbedingungen anpassen, indem sie beispielsweise ihre Stoffwechselrate verändern. Allerdings ist diese Anpassungsfähigkeit fischartspezifisch ausgeprägt. Salmoniden sowie Arten, die natürlicherweise kühle und sehr saubere Gewässer (z. B. Quellregionen, hohe Breiten) bevorzugen, haben hier die geringsten Anpassungsmöglichkeiten.
2. Verhaltensanpassung: Einige Fischarten sind nachweislich dafür bekannt, bei steigenden bis extremen Wassertemperaturen thermische Refugien (kalte Rückzugsorte) wie beispielsweise Quellzuflüsse, tiefe Kolke oder Gewässerabschnitte mit Grundwassereintrag aufzusuchen. Lachse und Muskies, die amerikanischen Hechte, nutzen solche Rückzugsorte nachweislich, wenn sie verfügbar sind.
3. Genetische Anpassung über viele Generationen: Viele Fischarten haben sich evolutionär bedingt an veränderte Lebensräume angepasst. Allerdings vollziehen sich diese Prozesse wesentlich langsamer als es der aktuelle Klimawandel notwendig macht. Daher ist diese Anpassungsform kaum relevant, wenn es um den Arterhalt und die Hege gegenwärtiger heimischer Süßwasserarten geht.
4. Migration und Erschließung neuer Lebensräume: Mittelfristig reagieren Fische auf veränderte Klima- und Umweltfaktoren, indem sie, gerade in Fließgewässern, in andere Gewässerabschnitte wandern. So vollzieht sich eine graduelle Verschiebung von Lebensräumen. Auch hier sind Kaltwasserarten benachteiligt, weil sie evolutionär bedingt auf Lebensräume mit niedrigen Wassertemperaturen spezialisiert sind.
Verträgt sich das Angeln mit hohen Wassertemperaturen?
Für die waidgerechte Angelei auf Süßwasserfische gibt es zunächst einmal keine universell gültige Temperaturobergrenze. Sobald man aber das Zurücksetzen von untermaßigen Fischen oder auch die Einhaltung von Fenstermaßen berücksichtigt, bei denen bisweilen auch besonders große Fische wieder in ihr Element zu entlassen sind, spielt die Wassertemperatur eine wichtige Rolle. Über alle wissenschaftlich untersuchten Fischarten hinweg zeigt sich ein klares, verallgemeinerbares Muster: Hohe bis extreme Wassertemperaturen verstärken die Belastung, die im Zuge von Drill und Handhabung auf den Fisch einwirken. Entsprechend steigt das Fischsterblichkeitsrisiko bei warmen Wassertemperaturen, selbst dann, wenn der Umgang mit dem Fisch optimal ausfällt.
Die kritischen Temperaturschwellenwerte im Angelkontext unterscheiden sich dabei stark von Art zu Art. Und selbst innerhalb einer Fischart hängt die Empfindlichkeit maßgeblich von der Körpergröße des Einzelfisches, der Belastung des Fisches durch Drill und Versorgung sowie der Luftexposition ab, also der Zeit, die ein Fisch zwischen Fang und Rückführung ins Wasser an der Luft gehalten wird.
Salmoniden
Eine Studie zu Saiblingen dokumentiert, dass Fische, die bei Wassertemperaturen von über 19,5 °C gefangen und anschließend länger als 30 Sekunden an der Luft gehalten wurden, deutlich stärkere Stressreaktionen zeigten, als Fische, die bei kälteren Wassertemperaturen gefangen wurden. Während die Mortalität nach dem Zurücksetzen bei moderaten Bedingungen (Wassertemperatur um 13,5 °C) und einer über 30-sekündigen Luftexposition bei nur 6 % lag, stieg diese bei höheren Wassertemperaturen überproportional an. Auch bei Lachsen spielt die Temperatur beim Fang eine Rolle. Bei Wassertemperaturen von 20 °C und mehr zum Zeitpunkt des Fangs starben 22 % der Fische nach dem schonenden Zurücksetzen, bei weniger als 20 °C nur 4 %.
Hechtartige
Hier zeigt sich der dramatischste Temperatureffekt. Bei Wassertemperaturen unter 25 °C liegt die Mortalität nach dem schonenden Zurücksetzen nahe 0 %, bei mehr als 25 °C steigt sie sprunghaft an: Amerikanische Studien dokumentieren eine Sterberate von 43 % bei Fischen, die einem Köder in über 25 °C warmem Wasser nicht widerstehen konnten, verglichen mit nur 10 % bei Wassertemperaturen von 19 bis 25 °C. Besonders aufschlussreich: Die Sterblichkeit korreliert am stärksten mit der über fünf Tage kumulierten Wärmebelastung, nicht nur mit der Momenttemperatur beim Fang.
Gemeinsamer Nenner
Als Faustregel kann man sagen, dass ab einer Wassertemperatur von etwa 20 °C die physiologische Stresstoleranz von kaltwasseradaptierten Fischarten überschritten wird. Hechtartige erreichen diesen Wert ab etwa 25 °C. Der Grund liegt in der sogenannten „sauerstoff- und kapazitätslimitierten thermischen Toleranz“: Mit steigender Temperatur sinkt der Sauerstoffgehalt im Wasser, während der Sauerstoffbedarf der Fische gleichzeitig steigt – eine Kombination, die besonders nach dem Erschöpfungsstress des Drills gefährlich wird. Das hat akute Auswirkungen für uns Angler: Jeder einzelne bei Hitze gefangene Fisch trägt ein deutlich höheres Sterberisiko.
Praktische Empfehlungen für Angler
Wir Angler tun daher gut daran, uns bei der Angelei in akuten Hitze- und Dürreperioden sowie allgemein im Hochsommer bewusst zu machen, dass wir mit kleinen Adaptionen unserer Herangehensweise viel für das Wohl der Fischfauna bewirken können. Zu den leicht umsetzbaren Maßnahmen gehören:
- Wasserthermometer nutzen und artspezifische Obergrenzen berücksichtigen: für Salmoniden (Forelle, Lachs, Saibling) etwa 18–20 °C, für Hechte etwa 25 °C als Warnschwelle.
- Bei Erreichen der kritischen Temperatur das Angeln pausieren oder auf die kühleren Morgen-/Abendstunden verlegen – viele erfahrene Angler praktizieren dies bereits.
- Luftexposition minimieren (unter 10 Sekunden) und Fische, die zurückgesetzt werden sollen, idealerweise gar nicht aus dem Wasser heben.
- Drilldauer minimieren: angemessenes Gerät verwenden, um Fische zügig zu landen.
- Reflexverhalten des Fisches vor dem Zurücksetzen prüfen (Gleichgewicht, Fluchtreaktion) als schnellen, praxistauglichen Gesundheitscheck.
- Fänge möglichst in der Nähe kühler Zuflüsse oder tiefer Gewässerbereiche freilassen.
Quellen:
Booth, I. T., Hartman, K. J., Crane, D., Hansbarger, J., Weeks, J., Henesy, J., Walsh, H., & Williams, J. (2023): Evaluating Muskellunge catch-and-release mortality at elevated summer water temperature. Transactions of the American Fisheries Society, 152, 577–1. https://doi.org/10.1002/tafs.10418.
Brownscombe, J. W., Ward, T. D., Nowell, L., Lennox, R. J., Chapman, J. M., Danylchuk, A. J., & Cooke, S. J. (2022): Identifying thresholds in air exposure, water temperature and fish size that determine reflex impairment in brook trout exposed to catch-and-release angling. Conservation Physiology 10 [1]. https://doi.org/10.1093/conphys/coac070.
Van Treeck, R. & Wolter, C. (2021): Temperaturempfindlichkeiten der Fischgemeinschaften in deutschen Fließgewässern – Überprüfung der Orientierungswerte für die Temperatur. Endbericht, Projekt O 10.20, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei im Auftrag der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA).
