Das Bild ist stark, die Botschaft klar: Die Gäste der Proklamationsveranstaltung der neuen „Flusslandschaft der Jahre" Murg haben sich in den renaturierten Murgauen bei Rastatt hinter einem Banner mit der Aufschrift „Schützt unsere Flusslandschaften!" positioniert. Sie stehen damit auch hinter einer politischen Forderung, die weit über diese gemeinsame Veranstaltung von dem Deutschem Angelfischerverband (DAFV) und den NaturFreunden Deutschlands hinausreicht.
Am 22. März – dem Weltwassertag – wurde der Schwarzwaldfluss Murg ganz offiziell zur „Flusslandschaft der Jahre 2026/27" ausgerufen – passenderweise im Rastatter Naturfreundehaus An der Murg. Zum mittlerweile 13. Mal haben die beiden Verbände diese Auszeichnung bereits vergeben, um die ökologische, ökonomische und soziokulturelle Bedeutung von Fließgewässern in das öffentliche Bewusstsein zu rücken.
Dass die Wahl auf die Murg fiel, ist das Ergebnis einer beeindruckenden Metamorphose. Die Karlsruher Regierungspräsidentin Sylvia M. Felder erinnerte in ihrer Rede daran, dass die Murg noch vor 150 Jahren das bedeutendste Laichgewässer Badens war, bevor die Industrialisierung sie radikal veränderte. Der Fluss wurde verbaut, verschmutzt und für die Papierindustrie regelrecht ausgepresst, bis vom einst stolzen Wildfluss nur noch ein verunreinigtes Rinnsal übrigblieb und auch der Lachs verschwand.
Enormes Engagement im Murgtal
Heute hingegen erzählt das Murgtal eine hoffnungsvolle Geschichte der Wiedergutmachung, die erst durch die sogenannte Europäische Wasserrahmenrichtlinie - ein europäisches Regelwerk zum Schutz von Gewässern – sowie enormes Engagement vor Ort ermöglicht wurde.
Einen inhaltlichen Schwerpunkt der Veranstaltung bildete die programmatische Rede des NaturFreunde-Bundesvorsitzenden Michael Müller. Er nutzte die Proklamation für eine tiefgreifende philosophische Analyse unseres Naturverständnisses. Müller kritisierte eine Denktradition der europäischen Moderne – begründet durch Vordenker wie Francis Bacon oder René Descartes –, welche die Natur lediglich als Instrument betrachtet, das es grenzenlos nutzbar zu machen gilt.

„Wir müssen begreifen, dass der Mensch kein außenstehender Beobachter, sondern ein untrennbarer Teil des Erdsystems ist."
Dieser „Naturvergessenheit" setzte er das Konzept der „Mitwelt" entgegen. Wasser sei dabei das zentrale Element, welches das gesamte Leben antreibt, doch weltweit verschärfen sich die Krisen: Über 700 Millionen Kinder leben heute bereits in Regionen mit akuter Wasserknappheit. Für Müller ist der Schutz der Murg daher kein lokales Nischenthema, sondern ein Beitrag zur Sicherung unserer globalen Lebensgrundlagen.
Der Politik fehlt es an Mut im Naturschutz
Diese Sichtweise wird durch die Partnerschaft mit den Angelfischern untermauert. DAFV-Präsident Klaus-Dieter Mau betonte in seiner Rede die Einigkeit beider Verbände bei der Verfolgung des Naturschutzes. Kritik äußerte an der Umsetzung des Naturschutzes durch die Politik: Während Konzepte und Expertisen reichlich vorhanden seien, fehle es oft am Mut und dem Willen zur tatsächlichen Realisierung ökologischer Maßnahmen.

Mau forderte eine konsequente Wiederherstellung der Durchgängigkeit, damit Wanderfische wie der Lachs dauerhaft in ihre angestammten Reviere zurückkehren können. Dass dies technisch selbst bei größten Herausforderungen möglich ist, erläuterte Thomas Wahl vom Landesfischereiverband Baden-Württemberg am Beispiel innovativer Fischaufzüge, die sogar Barrieren von mehr zehn Metern Höhe überwindbar machen.

Wie erfolgreich diese Bemühungen an der Murg bereits gefruchtet haben, machte schließlich Dr. Frank Hartmann von der Fischereibehörde im Regierungspräsidium Karlsruhe in seinem Vortrag deutlich. Ein besonderes Leuchtturmprojekt ist das Hochwasserschutz- und Ökologieprojekt Rastatt. Dabei wurden Deiche zurückverlegt und neue Lebensräume wie Inseln und Nebenarme geschaffen. Die Natur reagierte unmittelbar: Seltene Arten besiedelten die neuen Strukturen sofort und mittlerweile werden sogar wieder Lachse nachgewiesen. Hartmann betonte jedoch, dass man sich auf diesen Lorbeeren nicht ausruhen dürfe, da Themen wie der Geschiebehaushalt und ausreichende Mindestwassermengen weiterhin Daueraufgaben bleiben.
Viele Veranstaltungen im Kampagnenzeitraum geplant
Die Murg ist jedoch nicht nur ein ökologisches Vorzeigeprojekt, sondern auch ein Raum für Menschen und Identität. Rastatts Bürgermeister Raphael Knoth bezeichnete den Fluss als Ursprung der Stadtentwicklung und zentralen Anker für die kommende Landesgartenschau 2036. Auch Gabi Rolland, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der NaturFreunde Baden und Württemberg, hob die soziokulturelle Bedeutung hervor. Sie lud dazu ein, das „Naturerbe und Kulturerbe" entlang der Murg zu entdecken – etwa auf den drei Natura Trails im Murgtal oder durch einen Aufenthalt in einem der zwölf Naturfreundehäuser in der neuen Flusslandschaft, die immer auch Orte der Demokratie und des Respekts seien, so Rolland.
Einen Höhepunkt der Proklamation bildete der symbolische Akt der Wasserübergabe: Dabei wurde Flusswasser aus der brandenburgischen Stepenitz, Flusslandschaft der Jahre 2024/25, an das lokale Murg-Team übergeben. Damit übernahm die Murg nun offiziell den Staffelstab der neuen Flusslandschaft.

Die kommenden zwei Jahre werden im Murgtal von zahlreichen Veranstaltungen wie Umweltbildungsangeboten, Fischbesatzmaßnahmen, Exkursionen und Seminaren geprägt sein, um die Bevölkerung sowohl für die Schönheit als auch die Schutzbedürftigkeit dieses besonderen Fließgewässers zu sensibilisieren.
